Bayan Layla über "Breitscheidplatz 19/12": "Diese Frage bleibt"
Zehn Jahre nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt erzählt die ARD-Serie "Breitscheidplatz 19/12" die Vorgeschichte der Tat. Schauspielerin Bayan Layla spricht im Interview über die Verantwortung hinter ihrer Rolle und eine besondere Begegnung mit Hinterbliebenen.
Zehn Jahre nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt rekonstruiert die sechsteilige ARD-Serie "Breitscheidplatz 19/12" die Monate vor der Tat. Die syrisch-deutsche Schauspielerin Bayan Layla (30) spielt darin die Polizistin Isra, die Hinweisen auf den späteren Attentäter Anis Amri (Wael Alkhatib) nachgeht. Neben ihr stehen unter anderem Albrecht Schuch (41) als NRW-Staatsschützer Frank Laudin und Tamer Trasoglu (43) als bezahlter V-Mann Murat Cem vor der Kamera.
Die Verantwortung, die mit dem sensiblen Stoff einhergeht, sei ihr während der gesamten Arbeit bewusst gewesen, erklärt Layla. Viele Fragen rund um den Anschlag seien bis heute offen. "Wir sind es ihnen schuldig, diese Fragen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, nur, weil der Anschlag vor zehn Jahren passiert ist", betont sie im Interview mit spot on news. Darin spricht sie auch darüber, was sie mit ihrer Figur verbindet, welche Begegnung bei der Premiere in Hamburg sie besonders bewegt hat und warum für sie eine andere Trennlinie wichtiger ist als Herkunft oder Religion.
Was hat Sie an der Thrillerserie "Breitscheidplatz 19/12" besonders gereizt?
Bayan Layla: Zuallererst die Rolle selbst. Isra lebt in der Serie seit zehn Jahren in Deutschland, fast genauso lange wie ich, als ich die Anfrage bekam. Sie ist also längst angekommen und muss sich trotzdem immer wieder beweisen, das hat mich sofort berührt. Dazu kam, dass ich das Thema als sehr wichtig empfinde. Es braucht eine hohe Sensibilität und Differenzierung in der Erzählung, und genau deshalb war es mir wichtig zu wissen, wer hinter diesem Projekt steht. Als ich David Nawrath [Regisseur, geb. 1980] kennengelernt habe, habe ich gespürt, dass hier die richtigen Leute am Werk sind, und wollte sehr gerne Teil des Teams sein, das diese Geschichte erzählt.
Wie beeinflusst Isras persönliche Geschichte ihren Blick auf den Fall und die Menschen, die sie beobachtet?
Layla: Isra wirkt zu Beginn sehr zurückhaltend, fast mysteriös. Erst im Verlauf der Geschichte erfahren wir, warum. In ihrer Vergangenheit musste sie etwas erleben, bei dem Gerechtigkeit nicht möglich war. Ich glaube, genau danach strebt sie in dem Beruf, den sie sich ausgesucht hat: nach der Gerechtigkeit, die ihr selbst damals verwehrt blieb.
Inwiefern haben Ihnen Ihre eigenen Erfahrungen dabei geholfen, sich in Isra hineinzuversetzen? Kennen Sie selbst das Gefühl, zwischen verschiedenen Welten zu stehen?
Layla: Es war auf jeden Fall bereichernd, selbst Einblicke in unterschiedliche Lebensrealitäten zu haben. Bei dieser Rolle, wie bei jeder anderen, geht es darum, sich der Figur anzunähern, und dafür nutzt man alles, was einem zur Verfügung steht. Hier hatte ich vieles, das mir zusätzliche Tiefe für diese Rolle geben konnte.
Die eigenen Erfahrungen zu nehmen, sie zu abstrahieren und dann wieder in die Figurenarbeit einzuflechten, macht mir sehr viel Spaß. Das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen passieren. Dieses Gefühl, zwischen den Welten zu stehen, ist oft viel komplexer, als man denkt. Es hat nicht unbedingt damit zu tun, ob man sich willkommen fühlt, sondern eher mit einer inneren Haltung, die manchmal auf Widerstände von außen stößt. Es geht um die Differenz zwischen der eigenen Identität, wie man sich selbst definiert, und der Außenwirkung, wie man von anderen gesehen wird. Ich glaube, das war bei Bayan, der Schauspielerin, und Isra, der Rolle, auf ähnliche Weise spürbar.
Wie haben Sie sich auf die Darstellung einer Polizistin vorbereitet?
Layla: Es hat mich auf jeden Fall gereizt, zum ersten Mal eine Polizistin zu spielen. Ein Praktikum war aus Datenschutzgründen leider nicht möglich, aber Isra ist im Drehbuch so differenziert und komplex geschrieben, dass ich nie die Sorge hatte, sie könnte auf ihr Polizistin-Dasein reduziert werden. Während der Dreharbeiten habe ich dann gemerkt, wie viel Anspannung in ihrem Körper steckt. Sie trägt fast überall eine Art Maske, in der Familie wie auf der Arbeit, und darf sehr wenig nach außen zeigen. Das war für mich als Schauspielerin besonders spannend, weil es dann wirklich auf die kleinen Nuancen in Sprache und Körperhaltung ankam.
Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten überrascht?
Layla: Überrascht hat es mich nicht unbedingt, aber es hat mir vor Augen geführt, wie komplex die Bürokratie ist: Wer wofür zuständig ist, wer welche Entscheidungen trifft und welche Konsequenzen das haben kann. Ich finde es schwer, in dieser Geschichte mit dem Zeigefinger auf die Behörden zu zeigen und zu sagen, sie hätten alles falsch gemacht. Ich glaube eher, wir versuchen, die Fragen zu beleuchten, die viele Menschen bis heute haben. Wir sind es ihnen schuldig, diese Fragen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, nur, weil der Anschlag vor zehn Jahren passiert ist.
Sehr genau beobachtet fand ich außerdem, wie Figuren wie Yusuf [Karam Jumaa] sich als Außenseiter fühlen, in die falschen Gruppen geraten und am Ende dort landen, wo sie eigentlich nie hinwollten. Auch die Demütigung, die Soylu [Doguhan Kabadayi] schon sehr früh in der Serie erlebt, spielt in seinem Werdegang eine Rolle. Das soll nichts entschuldigen oder erklären, aber es zeigt als Beobachtung, wie gefährlich Einsamkeit und das Gefühl, nicht dazuzugehören, für einen Menschen werden können.
Inwiefern hat die Frage, ob der Anschlag hätte verhindert werden können, Ihre Perspektive verändert?
Layla: Ich finde diese Frage bis heute schwierig, weil sie eigentlich keine klare Antwort zulässt. Durch die Arbeit an der Serie habe ich gesehen, dass es tatsächlich Versäumnisse gab. Gleichzeitig verstehe ich auch, wie komplex die Zuständigkeiten und Entscheidungswege der Behörden waren. Diese Frage hat mir vor allem gezeigt, wie wichtig es ist, nicht zu schnell auf Einzelne zu zeigen, gerade in Zeiten, in denen Social Media so schnelle Urteile über richtig und falsch fällt. Es braucht manchmal das größere Bild, um zu verstehen, was wirklich passiert ist. Was mich die Arbeit gelehrt hat: Genau diese Frage darf nie aufhören, gestellt zu werden, gerade den Betroffenen gegenüber.
Wie schwierig ist es, eine fiktive Figur in einer Geschichte zu spielen, die für viele mit realem Leid verbunden ist?
Layla: Schwierig würde ich es nicht nennen, aber mit dieser Rolle kommt eine sehr große Verantwortung mit, die mir die ganze Zeit bewusst war. Es war eine andere Art der Arbeit, weil ich nicht zu einer bestimmten Person mit einer tiefen Hintergrundgeschichte recherchieren musste, sondern zur Tat im Allgemeinen. Ansonsten konnte ich Isra aufbauen, wie ich auch an anderen Figuren arbeite. Besonders bewusst wurde mir diese Verantwortung am Tag der Premiere in Hamburg, als ich dort Hinterbliebenen und Überlebenden begegnet bin. Dass sie mit der Serie zufrieden waren, war für mich das Wichtigste an diesem Tag.
Gab es einen Moment, in dem Ihnen bewusst wurde, dass Sie ein Ereignis deutscher Zeitgeschichte fiktionalisieren?
Layla: Dieses Bewusstsein hat mich während der gesamten Dreharbeiten begleitet, es war kein einzelner Moment, sondern ein durchgehendes Gefühl, fast wie eine andauernde Gänsehaut. Gerade in Deutschland gibt es Debatten darüber, wer als deutsch gilt, wer eingebürgert wird und wer wählen darf. Und es gibt politische Kräfte, die uns dieses Recht am liebsten wieder entziehen würden. Für mich war es deshalb besonders, dass ich und Menschen wie ich diese Geschichte miterzählen dürfen. Wir sprechen oft über Zugehörigkeiten, die uns einfach passieren, wie Hautfarbe, Religion, Herkunft oder Geburtsland. Entscheidender finde ich aber eine andere Trennlinie: ob Menschen demokratisch denken und leben wollen oder antidemokratisch. Das ist eine Haltung, für die man sich bewusst entscheidet, und genau das macht sie für mich bedeutsamer als die Zugehörigkeiten, die einem einfach zufallen.
"Breitscheidplatz 19/12" ist in der ARD Mediathek abrufbar. Das Erste zeigt die sechs Folgen am Sonntag, 1. November, ab 21:45 Uhr und am Freitag, 6. November, ab 23:55 Uhr.
(ili/spot)