Bülent Ceylan: "Die Altparteien haben schlicht versagt"

Bülent Ceylan meldet sich musikalisch zurück: Am 11. September erscheint sein neues Metal-Album "B.L.N.T.". Im Interview spricht der Comedian über die politische Lage in Deutschland, das Versagen der Altparteien und warum er ein "Kamillentee-Rocker" ist.

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Bülent Ceylans zweites Studioalbum "B.L.N.T." erscheint am 11. September.
Bülent Ceylans zweites Studioalbum "B.L.N.T." erscheint am 11. September. Foto: IMAGO/Future Image

Viele kennen Bülent Ceylan (50) vor allem als Comedian. Doch der 50-Jährige hat auch eine musikalische Seite: Seit Jahren tritt er als Heavy-Metal-Musiker auf. Am 11. September erscheint sein zweites Studioalbum "B.L.N.T.", mit dem er sein musikalisches Comeback feiert. Sein Debütalbum "Ich liebe Menschen" wurde vor zwei Jahren veröffentlicht. Ceylan, der unter anderem mit Peter Maffay (77) in Wacken spielte, geht auch bald auf Clubtournee. Auftakt ist am 22. September in Mannheim, seinem Geburtsort. Der Sänger macht am 26. September auch in München Halt.

Für Ceylan ist Musik jedoch mehr als nur Unterhaltung: Er versteht sie auch als Mittel, um gesellschaftlich relevante Botschaften zu vermitteln. "Musik ist mein Ventil, um mich frei zu äußern", sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news. Darin spricht er nicht nur über politische Songs, sondern erklärt auch, was es mit dem Spitznamen "Kamillentee-Rocker" auf sich hat.

Sie haben sich selbst einmal als "Kamillentee-Rocker" bezeichnet. Was steckt hinter dieser Beschreibung?

Bülent Ceylan: Ich bin nicht der Typ, der mit Groupies abhängt oder Drogen nimmt. Ich habe in meinem Leben noch nicht einmal eine Zigarette geraucht, selbst bei Parfüm bin ich vorsichtig. Klar trinke ich mal ein Glas Wein, einen Cocktail oder ein Bier. Aber die klassische Rock-'n'-Roll-Party nach einer Show gab es bei mir nie. Deshalb habe ich mich immer als "Kamillentee-Rocker" bezeichnet. Ich bin diszipliniert, achte auf Sport, Ernährung und meine Stimme. Das spiegelt sich auch im Album wider. Es hat nicht nur Rock, sondern auch emotionale Balladen mit Tiefgang. Ich wollte mich bewusst von den typischen Klischees abgrenzen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Comedian Bülent Ceylan und dem Musiker Bülent Ceylan?

Bülent Ceylan: Erst einmal bleibe ich natürlich immer ich selbst. Als Comedian schlüpfe ich aber in unterschiedliche Rollen und will vor allem die Menschen zum Lachen bringen. Die Musik gibt mir viel mehr Raum, um den Zuschauern tiefere Emotionen sowie politische oder gesellschaftskritische Botschaften zu vermitteln. Aber auch hier kommt es auf die Balance an: Niemand will ein Album hören, das nur belehrt. Deshalb gibt es bei mir neben kritischen Tönen auch Party-Rocksongs wie "Stumpf ist Trumpf" oder "Randale und Radau". Die Leute kommen schließlich auch zu mir, um den Kopf freizubekommen und nicht, um sich zwei Stunden lang eine politische Rede über Herrn Merz anzuhören.

Der Refrain in "Stumpf ist Trumpf" ist catchy. Ist das für Sie der wichtigste Teil eines Songs?

Bülent Ceylan: Mir ist es wichtig, dass meine Songs ins Ohr gehen und eine starke Melodie haben. Oft spiele ich dabei mit Kontrasten: Bei einem Song wie "Am Ende gut" sind die Strophen im Rammstein-Style. Und dann kommt der Refrain, da wird schön gesungen. Dieser Überraschungseffekt gefällt mir. Die Refrains müssen einfach mitsingbar sein. Bei "Randale und Radau" reicht schon das "Oh, oh, oh, oh", da musst du nicht mal Deutsch können, um mitzugrölen. Solche Songs braucht es auch und sie funktionieren live besonders gut.

Auf diesem Album schlagen Sie ja durchaus auch politische Töne an. War es Ihnen ein persönliches Anliegen, diese gesellschaftlichen Themen gezielt aufzugreifen?

Bülent Ceylan: Ja, denn wenn man Metal- und Rockmusik macht, sollte man nicht nur über die Liebe singen, sondern auch Haltung zeigen. Die hatte ich schon immer und die Musik ist mein Ventil, um mich frei zu äußern. Natürlich wird man dafür auch mal kritisiert. Die einen finden es gut, die anderen nicht. Aber am Ende des Tages kommt bei uns niemand ins Gefängnis für das, was er sagt. Ich habe letztens von einem chinesischen Comedian gelesen, der wegen einer einzigen Zeile, die der Regierung nicht passte, mit einem Auftrittsverbot belegt wurde. Das ist doch krass. Stell dir vor, ich müsste meine Comedy-Programme oder meine Songtexte im Vorfeld an eine Behörde schicken, damit sie abgesegnet werden. Dass wir diese Freiheit hier haben, ist ein unschätzbares Gut.

Beim Stichwort freie Meinungsäußerung fällt sofort Ihr Song "Diktatürk" ins Auge. Der Titel ist provokant: Hatten Sie da keine Bedenken, dass Sie manche Fans damit eher verprellen?

Bülent Ceylan: Natürlich ist mir das bewusst. Wobei das Wort "Diktatürk" für mich primär ein Wortspiel ist, das sich nicht ausschließlich gegen Erdoğan richtet. Es ist eine Abrechnung mit allen Diktatoren und Möchtegern-Autokraten. Da wird zum Beispiel in der Türkei der populäre Bürgermeister von Istanbul plötzlich der Terrorunterstützung bezichtigt, nur weil er politisch gefährlich wird. Es gibt kurz einen Aufschrei, doch es passiert nichts. Oder nehmen wir Netanjahu und die Völkermord-Vorwürfe bis hin zum internationalen Haftbefehl, was die USA wiederum kaum zu interessieren scheint. Mein Song ist eine generelle Ansage an alle Machtinhaber, die keine andere Meinung zulassen.

Natürlich verärgert man mit so viel Offenheit auch manche Landsleute. Aber mein Vater hat immer gesagt: Türke zu sein bedeutet, seine Meinung zu sagen. Man muss Meinungen aushalten können, egal, ob sie einem passen oder nicht und ob man eine Partei gut findet oder nicht. Genau daran müssen wir auch in Deutschland arbeiten. Dass gewisse Parteien so stark werden können, hat ja Gründe, so etwas kommt nicht von ungefähr. Die Altparteien haben da schlicht versagt. Das rechtfertigt oder schützt deren Positionen zwar nicht, aber wir müssen uns endlich die Frage stellen, warum es überhaupt so weit kommen konnte.

Sie haben sich in der Vergangenheit oft gegen die AfD geäußert. Wie besorgt sind Sie eigentlich über die aktuelle politische Lage in Deutschland?

Bülent Ceylan: Die Menschen sind unzufrieden. Friedrich Merz hat viele Versprechungen gemacht und sie nicht eingehalten. Gerade in Sachsen-Anhalt fühlt man sich vernachlässigt und nicht gehört. Und dann kommt einer wie Ulrich Siegmund, quasi eine softere Variante von Björn Höcke. Er weiß, wie man redet, sieht gut aus und hat mit seinen 35 Jahren als Familienvater fast schon Popstar-Qualität. Ich will gar nicht nur dagegen reden, sondern fragen: Was können die anderen besser machen, um die Aufmerksamkeit zurückzugewinnen?

Ich bin kein Politiker, aber ich hoffe, dass die Extremen in der Partei nicht noch stärker werden und die Gemäßigteren verdrängen, sobald sie oben sind. Das sind meine Ängste. Ich hoffe auch, dass sich die Jugendlichen an den Schulen jetzt nicht ermutigt fühlen, andere zu beleidigen. Als Donald Trump in den USA an die Macht kam, wurden die Menschen plötzlich viel lauter. Junge Leute dachten sich: Wenn der Präsident so redet, kann ich das auch. Ich hoffe einfach, dass es friedlich bleibt. Die Wahl war demokratisch, das muss man akzeptieren. Jetzt müssen die anderen Parteien endlich aufwachen und es besser machen.

Zurück zum Album: Neben den harten Songs und den politisch angehauchten Liedern haben Sie auch einige Balladen darauf. Mein Lieblingslied ist "Wir haben gelebt". Was hat Sie zu dem Song inspiriert?

Bülent Ceylan: Das freut mich, denn das höre ich in letzter Zeit immer öfter. Komischerweise ist der Song keine Single geworden, aber wer ihn hört, nennt ihn oft sein Highlight. Das Lied ist eine Ballade, die nicht zu schnulzig ist, sondern das Mainstream-Publikum erreicht, weil sie mitten aus dem Leben kommt. Sie sagt: Wir alle machen Fehler, schlagen über die Stränge und führen kein perfektes Leben. Aber es zeigt, dass wir gelebt haben. Das holt meine Generation ab und vermutlich auch jeden, der Anfang 30 ist und schon etwas erlebt hat.

Sie sind vierfacher Vater, Comedian und Musiker. Wie organisieren Sie diese Rollen?

Bülent Ceylan: Manchmal frage ich mich selbst, wie ich das alles schaffe. Es gibt Momente, da ist es einfach zu viel und zu anstrengend, da bin ich auch nur Mensch. Aber mein Glaube und meine Familie fangen mich auf, sodass ich es irgendwie immer wieder hinkriege.

(des/spot)

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