Ingo Lenßen: "Ich habe noch keine Muße für den Ruhestand"
Für die Sat.1-Reihe "Lenßen: Anklage Mord" hat Ingo Lenßen drei Kriminalfälle in Spielfilmlänge gedreht. Im Interview spricht der Anwalt über Vorverurteilungen in Zeiten von Social Media und erklärt, warum sein Bruder in der Reihe mitwirkt.
90 statt 30 Minuten: Kult-Anwalt Ingo Lenßen (65) bekommt in Sat.1 deutlich mehr Zeit für seine Fälle. In der Filmreihe "Lenßen: Anklage Mord" nimmt er sich an drei Montagabenden ab dem 2. November um 20:15 Uhr je eines Mordfalls an. Direkt danach beantwortet er in "Lenßen Live" Rechtsfragen der Zuschauer. Laut Sender ist er dabei so privat wie noch nie zu sehen, sogar sein Bruder ist mit von der Partie.
Seine Filmfigur steht kurz vor dem Ruhestand. Für Lenßen selbst ist das kein Thema. "Ich mag es wirklich, nach wie vor in meinen beiden Berufen tätig zu sein", betont er im Interview mit spot on news. Welcher der drei Fälle ihn bis nach Feierabend begleitet hat, verrät er ebenfalls.
Wie unterscheidet sich "Lenßen: Anklage Mord" von Ihren bisherigen Sat.1-Formaten?
Ingo Lenßen: Das ist relativ einfach zu erklären. Alleine die Länge der Sendung spricht für sich - von 30 auf 90 Minuten. Und dann geht es natürlich hier um sehr persönliche und sehr spannende Strafrechtsfälle.
Vom Dorfkrimi über eine Leiche im Kofferraum bis zum Fall einer verschwundenen Tochter: Woher stammen die Fälle und welcher der drei Fälle hat Sie beim Dreh emotional am stärksten beschäftigt und warum?
Lenßen: Die Fälle sind inspiriert von meinem persönlichen Erfahrungsschatz und stammen von unseren Autoren. Am meisten beschäftigt oder emotional ergriffen hat mich sicherlich der Fall der verschwundenen Tochter (Sendung am Montag, 16. November), weil die Dramatik und die emotionale Ergriffenheit des Falls mich einfach nicht mehr losgelassen haben.
Wie schwer fällt es Ihnen persönlich, nach emotionalen Drehtagen abzuschalten und einen Fall wirklich hinter sich zu lassen?
Lenßen: Das ist nicht so einfach. Den Fall, selbst wenn es ein Drehtag ist und man mit dem Fall gelebt hat, nehme ich abends mit nach Hause und versuche, das langsam abklingen zu lassen. Aber einfach die Türe zumachen und vergessen, was man über den Tag gemacht hat, ist nicht das, was ich kann und auch nicht das, was ich will. Ich denke, Dinge müssen immer verarbeitet werden und das braucht seine Zeit.
In der Reihe geht es immer wieder um Vorverurteilungen. Haben Sie das Gefühl, dass Menschen heute durch soziale Medien und öffentliche Debatten schneller verurteilt werden als früher?
Lenßen: Ja, aufgrund der Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung und der Social-Media-Aktivitäten. Es ist heute sicherlich so, dass Fälle mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden und dadurch natürlich auch Vorverurteilungen stattfinden. Denn Medien, durch Social-Media-Nachrichten beeinflusst, zeigen bereits gewisse Tendenzen auf, die dann natürlich Einfluss auf den Leser nehmen und so Vorverurteilungen provozieren können.
Haben Sie selbst schon erlebt, dass Menschen vorschnell ein falsches Bild von Ihnen hatten?
Lenßen: Das bleibt nicht aus. Es gibt mich doch auch privat und beruflich - und da bin ich sicherlich nicht immer derselbe. Was aber sicherlich manchmal vorkommt, ist, dass Menschen sagen "Sie sehen jünger aus" oder "Sie sind ja viel schlanker als im Fernsehen". Das ist doch bei jedem so. Jeder trifft auf Menschen, die sagen "Ich habe Dich eigentlich ganz anders eingeschätzt". Ich glaube, da gibt es keinen großen Unterschied zu Menschen, die nicht im Fernsehen auftreten.
Sie sind in "Lenßen: Anklage Mord" laut Sender so privat wie noch nie zu sehen, unter anderem ist Ihr Bruder dabei. Wie kam es dazu und wie war das für Sie, Privates und Berufliches zu verbinden?
Lenßen: Das ist eine ganz normale Geschichte, weil mein Bruder mich natürlich auch schon abseits der Kamera gefragt hat, ob ich ihn oder seine Freunde unterstützen kann - und das haben wir jetzt in den Film übertragen. Es ist ja immer etwas anderes, wenn ein Familienmitglied einen anspricht oder kontaktiert. Da ist von vornherein eine ganz andere Nähe da und der Vertrauensvorschuss, den der Mandant oder die Mandantin bekommt, ist insofern auch größer.
Direkt nach den Filmen gehen Sie mit "Lenßen live" wieder auf Sendung und beantworten echte Rechtsfragen der Zuschauer. Was macht für Sie den Reiz aus, schnelle konkrete Lebenshilfe zu bieten?
Lenßen: Erstens die Spontanität und zweitens mag ich es, mit Menschen direkt über ihre Probleme zu reden. Das live im Fernsehen zu machen, bietet natürlich auch einen großen Reiz für den Zuschauer, der vielleicht die eine oder andere Fragestellung, die ihn selbst auch betrifft, in der Sendung wiederfindet. Der direkte Austausch mit dem Fragesteller ist extrem reizvoll, da immer wieder etwas Neues dazukommt, auf das man nicht vorbereitet ist.
In der neuen Reihe stehen Sie kurz vor dem Ruhestand. Ist das ein Gedanke, mit dem Sie sich privat selbst schon beschäftigen? Wenn ja, was bedeutet das für Ihre Fernsehkarriere?
Lenßen: Der Ruhestand ist ein Thema, das mich betrifft, weil Freunde, Bekannte aus meinem Umfeld sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Ich bin ganz ehrlich: Für mich selbst ist es kein Thema. Ich habe noch keine Muße für den Ruhestand. Ich mag es wirklich, nach wie vor in meinen beiden Berufen tätig zu sein. Und ich bin mir sehr bewusst darüber, dass das ein Privileg ist. Aber ich verstehe jeden, der hart körperlich arbeitet und sich auf den Ruhestand freut.
Haben Sie schon Pläne für Ihren Ruhestand, wollen Sie sich bestimmte Wünsche erfüllen?
Lenßen: Vielleicht ein bisschen mehr Zeit für Reisen zu haben, aber das hat weniger mit Ruhestand zu tun, sondern einfach damit, dass ich mir ein bisschen mehr Freizeit organisiere. Und insoweit gibt es auch keine Pläne für den Ruhestand.
(jom/spot)