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# Nina Hoss: "Nur in der Offenheit können sich Menschen begegnen"
- URL: https://www.viply.de/exklusiv/nina-hoss-nur-in-der-offenheit-konnen-sich-menschen-begegnen/
- Published: 2026-10-23T10:15:44.000Z
- Updated: 2026-10-23T10:16:05.000Z
- Description: Nina Hoss spielt in "Die andere Seite" eine infizierte Ärztin, die nach dem Tod ihrer Familie in der Wildnis untertaucht. Im Interview spricht sie über Empathie als Grundlage des Schauspielens und die Coronapandemie.
- Author: Redaktion
- Tags: Exklusiv, #spot

Am 22\. Oktober startete der Film "Die andere Seite" in den deutschen Kinos. Darin verkörpert Nina Hoss (51) eine Ärztin, die Ehemann und Sohn durch einen tödlichen Virus verloren hat. Auch sie ist infiziert, doch statt in ein Lager für Erkrankte gebracht zu werden, zieht sie sich in die Wildnis zurück. In einer abgelegenen Hütte richtet sie sich ein neues, einsames Leben ein: Sie sammelt Essbares im Wald und versucht, unentdeckt zu bleiben.

Als ein Zwischenfall ihre Sicherheit bedroht, muss sie fliehen. Unterwegs begegnet ihr die junge Lila (Precious Mariam Sanusi). Zwei Menschen am Rand der Gesellschaft brechen gemeinsam Richtung Süden auf, um über die Alpen zu gelangen, in der Hoffnung, ein neues Leben anfangen zu können.

Hoss spricht im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news über das Thema Empathie, weshalb sie für Schauspieler wichtig ist und wie sie den Beginn der Coronapandemie erlebt hat.

***Trotz Hannas trostloser Lebenssituation gibt es im Film immer wieder Momente der Empathie. Sie selbst haben einmal gesagt, Sie seien "von Haus aus" ein empathischer Mensch. Was bedeutet es für Sie, Empathie in einem solchen Film darzustellen?***

Nina Hoss: Als Schauspielerin muss man Empathie in sich tragen, sonst wüsste ich nicht, wie ich den Figuren, denen ich Leben einhauchen will, nahekommen sollte. Dieser Beruf öffnet einem jedenfalls den Blick für so viele Lebensrealitäten, dass man die eigene nicht mehr als die einzig mögliche wahrnimmt. Das finde ich sehr wohltuend, weil man so nicht schnell über andere Menschen urteilt. Vielleicht kann der Film genau das auslösen. Das würde ich mir zumindest wünschen. Ich habe nie einen Botschaftsgedanken. Eine Geschichte finde ich interessant, wenn ich anfange, nachzudenken oder mich selbst zu hinterfragen. Ich hoffe, dass dadurch ein Gespräch zwischen Publikum, Film und Filmfiguren entsteht, darüber, wie wir alle miteinander umgehen wollen. Ich fand es auch bemerkenswert, dass Mariko diese Geschichte eine weiße Ärztin in Bayern erleben lässt. Dort kann eigentlich nicht viel passieren, der Lebensweg scheint vorgegeben. Wenn genau einer solchen Frau etwas so Schlimmes widerfährt, öffnet das vielleicht den Blick für Menschen aller Couleur in schwierigen Lebenssituationen.

***Glauben Sie, dass Empathie manchmal auch eine Belastung sein kann für einen selbst?***

Hoss: Ich glaube eigentlich nicht. Empathie bedeutet immer, bereit zu sein, sich in andere Situationen hineinzuversetzen. Das ist Offenheit. Und für mich ist Leben Offenheit. Es gibt diesen Spruch des Dichters Hölderlin: "Komm ins Offene, Freund." Das ist für mich fast ein Lebenssatz. Denn nur in der Offenheit kann etwas Neues entstehen und können sich Menschen begegnen. Wenn man schon vorgefertigte Meinungen hat, kann sich nichts mehr bewegen. Deshalb ist Empathie für mich die Möglichkeit, sich zu begegnen, sich gemeinsam zu bewegen und sich zu entwickeln. Das geht ohne Empathie nicht.

***Der Film erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem diese Offenheit weltweit anscheinend immer mehr erodiert. Sie wollen mit Filmen keine Botschaften vermitteln, aber sollen die Menschen daraus vielleicht mitnehmen, offener zu sein?***

Hoss: Ich habe wirklich keine Botschaftsgedanken. Es ist wirklich eine Geschichte wie aus einem Roman. Daraus lassen sich ganz persönliche Erkenntnisse gewinnen und in Beziehung zum eigenen Leben setzen. Was jemand dabei denkt, kann ich niemandem vorgeben. Ich kann nur sagen: Das hat mich interessiert, und ich hoffe, dass diese Geschichte auch die Zuschauer interessiert und etwas in ihnen auslöst. Vielleicht sogar etwas ganz anderes, als ich erwartet hätte. Das finde ich spannend an meinem Beruf: Manchmal sehen Leute etwas in einem Film, über das ich gar nicht nachgedacht habe. Aber das ist genauso wichtig und ernst zu nehmen wie das, was ich im Kopf hatte. Kunst kann für mich deshalb keine Botschaft haben. Oft wissen wir während der Arbeit gar nicht genau, was die Aussage ist. Wir spüren nur: Da ist etwas. Die Konstellationen, die wir schaffen, lösen vielleicht etwas aus. Aber während man sie schafft, weiß man noch nicht, was sie beim Betrachter auslösen könnten. Deshalb gehe ich nie mit einem Botschaftsgedanken in ein Projekt.

***Mariko Minoguchi sagte über Hanna, sie sei "zum großen Teil Nina". Mit welcher Eigenschaft von Hanna konnten Sie sich am stärksten identifizieren?***

Hoss: Das weiß ich gar nicht. Das müsste sie eigentlich sagen, was sie in mir sieht. Es ist ja immer ein Unterschied, wer man wirklich ist und was andere in einen hineinprojizieren. Aber ich glaube, ich würde auch nicht so schnell aufgeben , so wie Hanna. Und ich weiß, dass ich eine Abenteurerin bin, und das kommt Hanna wahrscheinlich nahe. Ich habe überhaupt kein Problem, mit dem Rucksack durch die Berge zu stapfen und nicht zu wissen, wo ich am nächsten Tag bin. In Städte zu fahren und nicht zu wissen, wo ich übernachte. Ich habe irgendwie das Vertrauen, dass man immer etwas findet und durchkommt. Und ich setze mich auch gerne Risiken aus, weil ich dann das Gefühl habe - vielleicht hat das was mit dieser Empathie zu tun -, dass etwas passiert, was ich selbst gar nicht hätte planen können, und dass Erlebnisse entstehen, die ich sonst nie gehabt hätte.

***Der Film besitzt sehr wenige Dialoge, er lebt eher von Ihrer Präsenz. Wie herausfordernd ist so eine Rolle für eine Schauspielerin?***

Hoss: Das ist eigentlich das Schöne und der Grund, warum ich diesen Beruf ausübe. Selbst wenn man nicht viel spricht, ist nicht das Gesagte das Spannende, sondern das, was darunterliegt: Was sagt man nicht? Warum sagt man es so und nicht anders? Woran denkt man, während man spricht? All das ist es, was mich am Schauspiel interessiert.

***Der Film weckt unweigerlich Erinnerungen an die Coronapandemie. Welche Erinnerung an Ihre eigene Coronazeit war beim Lesen des Drehbuchs sofort wieder da?***

Hoss: Ich weiß noch genau, wie ich im Fernsehen die Bilder aus Italien sah: Lastwagen, die nachts Särge abtransportierten. Und kurz darauf dieselben Bilder aus New York. Da dachte ich: Ich weiß nicht, ob wir das überleben. Vielleicht ist es das, woran man jetzt stirbt. Und wie geht man mit dieser Information um? In solchen Momenten denkt man plötzlich: Jetzt könnte sich alles komplett ändern. Man könnte seinen Beruf verlieren - gerade unsere Arbeit hat doch so viel mit Begegnung, Kontakt, Publikum und Gemeinschaft zu tun. Da spürt man: Das ganze Leben kann auf den Kopf gestellt werden.

Ich musste in dieser Zeit auch viel über HIV und Aids nachdenken: Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn so eine Krankheit aufkommt? Welche Mechanismen greifen dann in einer Gemeinschaft? Das waren auch solche Inspirationen für den Film. Man beginnt, über Flucht- und Kriegssituationen nachzudenken. Und wir spüren es ja gerade besonders: Das Leben kann sich in Sekundenschnelle ändern. Alles, was man als Gewissheit verbucht hatte - wie die Zukunft aussehen soll -, kann von einer Sekunde auf die andere komplett erschüttert werden, und wie wir dann damit umgehen, das ist das Spannende.

(des/spot)