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„Die dunkelste Stunde“: Den Oscar (zu) fest vor Augen?

Wusstest Du schon...

Verlierer des Tages

„Wir werden an den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsabschnitten kämpfen, wir werden auf den Feldern und auf den Straßen kämpfen, wir werden in den Hügeln kämpfen. Wir werden uns nie ergeben.“ Winston Churchills mitreißende Kampfansage an Nazi-Deutschland vom 14. Juni 1940 hat zurecht ihren Weg in die Geschichtsbücher gefunden. Nicht minder gerechtfertigt ist – in Person eines alles überragenden Gary Oldman (59) – Churchills Einzug in die Kinos dieser Welt. Auch wenn „Die dunkelste Stunde“ zuweilen den Oscar für seinen Hauptdarsteller etwas zu sehr forciert.

Der übermächtige Blitzkrieg

Wie nur sollen die Soldaten des Dritten Reichs an der Eroberung Europas gehindert werden? Jedenfalls nicht unter der Leitung von Premierminister Neville Chamberlain, ist sich das britische Parlament sicher. Darum wird am 10. Mai 1940 ein Mann als dessen Nachfolger gewählt, der als kleinster gemeinsamer Nenner aller Parteien angesehen wird – auch wenn ihn im Grunde niemand so recht leiden kann: Winston Churchill (Oldman). Der hatte sich aufgrund fragwürdiger Entscheidungen während des Ersten Weltkriegs (in der Schlacht von Gallipoli) eigentlich ins politische Aus geschossen. Doch wie heißt es: verzweifelte Zeiten erfordern verzweifelte Maßnahmen…

Jedoch sorgt Churchill kurz nach Amtsantritt prompt wieder für Missmut, nicht nur bei seinen Kollegen, sondern auch bei König George VI. (Ben Mendelsohn). Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung ist er der festen Überzeugung, dass ein Friedensvertrag mit Deutschland keinerlei Option darstellt und schmettert diesen Vorschlag rigoros ab. Doch was sich später als der genau richtige Schritt entpuppt, wird zu diesem Zeitpunkt als Selbstmord angesehen. Denn gegen den übermächtigen Blitzkrieg der Nazis scheint es kein Ankommen zu geben. Zumal gerade quasi die gesamte britische Armee am Strand von Frankreich von der Wehrmacht festgenagelt wurde.

Dialoglastige Geschichtsstunde

Die Zusammenfassung des Inhalts zeigt bereits wenig überraschend, dass „Die dunkelste Stunde“ auch zur Kino-Exkursion von Schulklassen gereicht. Der Film von Regisseur Joe Wright („Wer ist Hanna?“) ist extrem dialoglastig ausgefallen. Da nur der sehr geringe Zeitraum von Anfang Mai 1940 bis Mitte Juni desselben Jahres abgedeckt wird, muss allen nicht mehr ganz faktensicheren Hobby-Historikern die politische Landschaft von Großbritannien nebenbei in Erinnerung gerufen werden. Und das kann sich mitunter wirklich wie Geschichtsunterricht anfühlen.

Apropos Fakten: Mit ihnen nimmt es „Die dunkelste Stunde“ in der Regel sehr genau, was die Momente, in denen der Film dies nicht tut, umso störender herausstechen lässt. Vor allem eine Szene später im Film, in der Churchill mit dem Volke in der U-Bahn palavert, ist offenkundig frei erfunden – und dabei an Kitsch nicht zu überbieten, den der Streifen bis zu diesem Punkt eigentlich gekonnt zu vermeiden wusste.

Und der Oscar geht an…

Diese Momente sind es dann auch, die mitunter den Eindruck erwecken, man wolle mit zu viel Biegen und Brechen einen Oscar für Hauptdarsteller Gary Oldman erwirken. Was schade ist, da derartige Schmalz-Momente dafür überhaupt nicht notwendig gewesen wären. Ohne Wenn und Aber hat sich Oldman die mit Sicherheit am 23. Januar eintrudelnde Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller verdient. Nicht nur aufgrund der erstaunlich überzeugenden Maske hat sich Herr Oldman in Churchill verwandelt, sondern auch aufgrund seines herausragenden Spiels. Wer hätte gedacht, das jener Schauspieler, der seine Karriere 1986 als Sex-Pistols-Frontmann Sid Vicious im Spielfilm „Sid und Nancy“ einläutete, eines Tages den Nazis als Winston Churchill die Stirn bieten würde?

Manchen könnte der Film in seiner Gänze aber ein zu romantisiertes Bild von Churchill liefern. Zwar wird darin sein exzessiver Alkoholkonsum und Lebensstil fernab des einfachen Volkes gezeigt. Vom Opportunisten oder dem erbarmungslosen Imperialisten, als der er in Geschichtsbüchern auch charakterisiert wird, sieht man in „Die dunkelste Stunde“ jedoch sehr wenig bis gar nichts.

Die restlichen Schauspieler, so sehr sie sich auch bemühen, geraten bei einer solchen One-Man-Show automatisch in die Statistenrolle. Einzig Ben Mendelsohn (48) als stotternder König George, der zur Abwechslung mal keinen Schurken spielen muss, und mit Abstrichen auch Kristin Scott Thomas (57) als Ehefrau Clementine Churchill, dürfen ihm hin und wieder ein paar Sekunden des Rampenlichts stibitzen.

Die volle Historien-Dröhnung

Wie ordnet man „Die dunkelste Stunde“ also am besten ein? Als alleinstehender Film könnte er einigen Kinogängern zu eintönig sein. Wer sich dagegen die volle Geschichtsdröhnung zum Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Briten geben will, sollte sich an folgendem Dreigespann versuchen: Zunächst „The King’s Speech – Die Rede des Königs“, zwischendrin dann „Die dunkelste Stunde“ und zum Abschluss Christopher Nolans „Dunkirk“. Denn die darin thematisierte „Operation Dynamo“ nimmt auch einen wichtigen Teil im Churchill-Film ein, wird aber, wie so vieles darin, ausschließlich mit Worten an den Zuschauer getragen.

Fazit:

„Die dunkelste Stunde“ liefert eine interessante Charakterstudie einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des 20 Jahrhunderts. Mitunter etwas verklärt und mitunter arg kitschig, nichtsdestotrotz sehenswert. Dafür sorgt ein bestens aufgelegter Gary Oldman, der zumindest die Oscar-Nominierung nach seinem Golden-Globe-Gewinn in der Tasche haben wird. Und das mit Recht.

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