Ellen Burstyn nimmt Goldenen Löwen unter Tränen entgegen
Ellen Burstyn hat in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk entgegengenommen und dabei mit den Tränen gekämpft. In ihrer Rede erzählte die 93-Jährige von den Dreharbeiten mit Martin Scorsese - und verband die Anekdote mit einem Wunsch für die Lage in ihrem Heimatland.
Unter Tränen hat Ellen Burstyn (93) beim Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk entgegengenommen. Die 93-jährige Schauspielerin betrat die Bühne in einem gelben Kleid und an einer Gehhilfe, wurde mit minutenlangen Ovationen empfangen und tupfte sich während des Applauses die Augen ab, wie "Variety" und "Deadline" berichten. Überreicht wurde der Preis am Montag von Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal (48).
Ein Sturz und eine Laudatio
Vor Burstyns Auftritt richtete Gyllenhaal eine Nachricht an den Saal: Burstyn habe sie gebeten mitzuteilen, dass sie kürzlich gestürzt sei. Es gehe ihr gut, sie sei nur langsamer unterwegs - was dem Publikum mehr Zeit zum Klatschen lasse, sagte Gyllenhaal laut "Variety".
In ihrer Laudatio zählte die Regisseurin Rollen auf, die Burstyn geprägt hat, darunter Chris MacNeil in "Der Exorzist" und Sarah Goldfarb in "Requiem for a Dream". In all diesen Figuren stecke Burstyn selbst, nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Denken und ihr Leben, zitiert "Deadline" die Jurypräsidentin.
Was der Preis für sie bedeutet
Das Publikum überwältige sie, sagte Burstyn am Mikrofon. Einen Oscar, einen Tony oder einen Emmy zu gewinnen, sei eine Sache - alle drei habe sie bereits erhalten. Aber das hier sei noch einmal etwas anderes.
Seit sie von der Ehrung erfahren habe, denke sie über ihr Leben nach. Mit 93 Jahren habe man reichlich Lebenszeit, auf die sich zurückblicken lasse. Vielleicht gehe es bei einem solchen Preis nicht nur darum, was man erreicht habe, sondern auch darum, was man gelernt habe.
Für ihre Rede griff Burstyn auf die Dreharbeiten zu Martin Scorseses Film "Alice lebt hier nicht mehr" von 1974 zurück. Bei einer nächtlichen Autoszene hätten der Regisseur und das Kamerateam auf der Motorhaube gesessen und ihr die Sicht genommen; sie habe befürchtet, alle Beteiligten zu gefährden.
Dann sei ihr die weiße Mittellinie aufgefallen, an der sie sich orientiert habe. So habe sie es geschafft, Martin Scorsese nicht umzubringen, sagte Burstyn - und übertrug das Bild auf die Lage in den USA: Sie hoffe, ja bete, dass ihr eigenes Land seine eigene weiße Linie finde.
Zwei Filme im Programm
Die Zeremonie fand vor der Premiere von Gyllenhaals Kurzfilm "Flesh Impact" statt, in dem Burstyn und Dakota Johnson Marilyn Monroe verkörpern. Johnson spielt den Star auf dem Höhepunkt seines Ruhms, Burstyn jene Version Monroes, die die Öffentlichkeit nie zu sehen bekam.
Ihr zweiter Film in Venedig ist Kornél Mundruczós Drama "Place to Be", das am Mittwoch Premiere feiert. Neben Burstyn spielen darin unter anderem Taika Waititi, Pamela Anderson und Murray Bartlett - alle drei saßen bei der Preisverleihung im Publikum.
Oscar, Tony, zwei Emmys
Burstyn gehört zu den wenigen Darstellerinnen mit der sogenannten Triple Crown: 1975 gewann sie den Oscar für "Alice lebt hier nicht mehr" und den Tony für "Same Time, Next Year", hinzu kamen Emmys 2009 und 2013. Laut "Deadline" war sie die dritte Frau, die Tony und Oscar im selben Jahr erhielt.
Über die Bedingungen für Frauen im Filmgeschäft sagte sie, diese hätten sich enorm verändert. Ganz ausgeglichen sei die Branche noch nicht, aber sie komme dem nahe.
(jom/spot)