Fatih Akins "Geister": Die fernste aller Fernbeziehungen
Regisseur Fatih Akin widmet sich mit seinem neuen Film "Geister" sehr weltlichen Themen auf mutige und buchstäblich fantastische Weise.
Mit seinem neuen Werk wagt sich Fatih Akin (53) an ein Genre, das nicht nur er, sondern im Grunde die gesamte deutsche Filmszene bislang stiefmütterlich behandelt hat. Das melancholische Fantasy-Drama "Geister" (Kinostart: 5. November) handelt von einer Liebe, die tragisch endet, noch bevor sie überhaupt die Chance bekam, zu beginnen. Trotz, vielleicht sogar gerade wegen seiner übernatürlichen Handlung, gewährt "Geister" einen wichtigen Blick auf schwer zu greifende reale Themen wie Trauerbewältigung und Schuldgefühl - und zeigt dank seiner ungewöhnlichen Perspektive auf, warum das Loslassen genauso wichtig ist wie das Festhalten.
Das Leben und der Tod sind nicht fair - darum geht es
Bei einer Abiparty in Hamburg treffen sich Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) zum ersten Mal. Beide sind 20 und ein einziger Blick genügt, um zu wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch noch in derselben Nacht kommt Farasha als einzige von vier Insassen bei einem Autounfall ums Leben; Faris saß am Steuer.
Die Tragödie stellt aber nicht das Ende ihrer Liebe dar: Zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten sucht Farasha nach einer Möglichkeit, Faris wiederzusehen, und findet tatsächlich einen Weg: Sie kann ihm begegnen, allerdings nur in seinen Träumen und nur für 40 Nächte. Nacht für Nacht wächst ihre Liebe, bis die letzte von ihnen anbricht.
Zeitdruck in der Ewigkeit
Als Farasha erfährt, dass sie nur noch in den kommenden 40 Nächten in Kontakt mit Faris treten kann, fragt sie umgehend nach dem Warum. "Wir verschwinden im Nebel der Erinnerung", bekommt sie als Antwort. Akin nutzt die Tradition vieler muslimischer Familien, nach einem Verlust eine 40-tägige Trauerzeit einzuhalten, um seinem Film eine zeitlich limitierte Dramaturgie zu verleihen.
Das funktioniert ausgesprochen gut, nicht zuletzt aufgrund der detailverliebten, häufig märchenhaften Bildsprache. Mit jedem verstrichenen Tag kommen sich die beiden in ihrer "Fernbeziehung", wie Faris es an einer Stelle bezeichnet, näher. Mit jedem ausgeträumten Traum rückt aber auch der ewige Abschied näher.
"Ghost - Nachricht von Farasha"
Dass bei Akins Ausflug ins Fantasy-Fach Vergleiche zu "Ghost - Nachricht von Sam" gezogen werden, liegt angesichts der Story auf der Hand. Wie der Film mit Demi Moore und Patrick Swayze befasst sich auch "Geister" in seinem Kern mit der Frage, ob man den Verlust eines geliebten Menschen jemals verkraften kann.
Mit Faris' wachsender Verzweiflung und seiner zunehmenden Abschottung von der Realität spricht Akin - im Gegensatz zu Regisseur Jerry Zucker mit "Ghost" - aber auch das stigmatisierte Thema Suizid und Suizidgedanken an. Er tut dies auf einfühlsame, nicht romantisierende Weise. "Ich bin nicht krank, ich bin nur traurig", entgegnet Faris seiner sorgenvollen Mutter. Es sind diese leisen Momente, mit denen "Geister" seine lautesten Aussagen trifft.
Das Gefühl der Echtheit
Es klingt im ersten Moment paradox, aber: Ausgerechnet Akins übersinnlicher Film besitzt im Gegensatz zum Wust aus ewig gleichen deutschen RomComs eine erstaunliche Authentizität. Manchmal schaden große Namen einer Geschichte, stehen ihr durch ihre eigene Popularität im Weg. Mit Elyas M'Barek, Matthias Schweighöfer und Konsorten könnte "Geister" nicht ansatzweise so glaubhaft funktionieren, wie es dank seiner unbekannteren Hauptdarsteller der Fall ist.
Ein Phänomen, das zuletzt auch international zu beobachten war und wohl ein maßgeblicher Grund hinter dem Erfolg des Low-Budget-Horrors "Obsession" war.
Dass Akin für seine Erzählung auf sehr junge Schauspielerinnen und Schauspieler setzt, macht die Handlung des Films umso trauriger. Dawoud und Güvercin verkörpern die scheue Liebe, der es zeitlebens nicht vergönnt war, übers Händchenhalten hinauszureichen, auf rührende, nicht rührselige Art. Ihre Figuren sind theatralisch, mitunter egoistisch, verdrossen und verzweifelt. Kurzum: glaubhaft.
Fazit:
Und das im Land der Krimis und RomComs: Fatih Akin beweist mit seinem Film "Geister", dass übersinnliche Geschichten mitunter am besten geeignet sind, um schwere weltliche Themen aufzuarbeiten sowie neue Blickwinkel auf sie zuzulassen. Dass ihm das gelingt, liegt maßgeblich an den beiden jungen, ausdrucksstarken Hauptdarstellern Mariam Dawoud und Eren M. Güvercin. Eine Leistung, die noch lange nach dem Abspann durch die Gedanken des Publikums geistert.
(stk/spot)