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„The Disaster Artist“: Leidenschaft, die Leiden schafft

Wusstest Du schon...

Gewinner des Tages

Katastrophale Kameraarbeit, lächerliches Schauspiel, grausames Skript: Tommy Wiseaus Film „The Room“ wird spöttisch gerne als der „Citizen Kane“ unter den schlechten Filmen bezeichnet. Warum in Herrgotts Namen sollte man sich also einen Streifen über die Entstehung dieses Machwerks ansehen? Nun, weil ungemeines Talent erforderlich ist, um derartige Talentfreiheit darzustellen! Die nebenbei das Potenzial für eine großartig Komödie birgt. Eine, die so schräg ist, dass nur das echte Leben das Drehbuch dazu verfassen konnte. Einen großen Haken gibt es aber bei James Francos (39) „The Disaster Artist“…

Großes Ego, wenig Talent

Eigentlich ist der junge Nachwuchsschauspieler Greg Sestero (Dave Franco, 32) nicht für die Bühne gemacht. Er ist viel zu schüchtern, bekommt im Rampenlicht kaum einen Mucks aus seiner Kehle und scheint innerlich schon mit seinem Hollywood-Traum abgeschlossen zu haben. Doch dann macht er in einer Schauspielklasse die Bekanntschaft mit Tommy Wiseau (James Franco): Der schräge Mann mit langer Mähne und dickem osteuropäischen Akzent ist die Antithese eines talentierten Schauspielers, macht sich aber mit derartiger Inbrunst vor aller Augen zum Affen, dass Sestero nicht darum herumkommt, beeindruckt zu sein.

Er will von Wiseau lernen, seine Schüchternheit abzulegen. Schnell entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden und siehe da, Sestero beginnt tatsächlich, in der Traumfabrik Fuß zu fassen. Für Wiseau gilt das wenig überraschend nicht, und so beschließt er, einfach seinen eigenen Film zu drehen. Die Geburtsstunde von „The Room“ – jenem Film, der so schlecht ist, dass er schon wieder schlecht ist…

Ohne Vorkenntnisse ein Desaster?

„The Disaster Artist“ basiert auf dem Buch „The Disaster Artist: My Life Inside The Room“, in dem der echte Sestero von den teils unfassbar absurden Bedingungen berichtet, unter denen „The Room“ entstanden sein soll. Ein Regisseur und Hauptdarsteller, der sein eigenes Skript nicht zu verstehen scheint, Schauspiel aus der Fremdscham-Hölle und noch nicht einmal anatomisch korrekte Sexszenen: „The Room“ hat all das zu bieten – und wurde dadurch zum Kultstreifen unter einer treuen Fan-Gemeinde.

Die angesprochenen Szenen liefert Franco auch in seinem Film und macht damit aus einer unfreiwilligen Komödie eine freiwillige. Doch genau hier liegt auch das große Problem von „The Disaster Artist“: Franco gelingt es, Wiseaus Mimik, Gestik und auch dessen auf bizarre Weise charmanten Größenwahn sagenhaft gut zu kopieren. Jedoch ist die Vermutung durchaus berechtigt, dass viele Kinogänger „The Room“ (ebenfalls berechtigt) gemieden haben. Man muss wahrlich ein Kino-Masochist sein, um Wiseaus Werk auch nur fünf Minuten ertragen zu können. Viele Anspielungen gehen ohne dieses Vorwissen schlichtweg verloren, was die nicht leicht über die Lippen gehende Empfehlung unumgänglich macht: Man sollte „The Room“ gesehen haben.

Egomane oder Visionär?

Dennoch kann „The Disaster Artist“ auch für sich alleine stehen. Er zeichnet das Portrait eines Mannes, der wild zwischen Egomane, Visionär, Outsider und Lachnummer pendelt. Doch Wiseau ist der personifizierte „Amerikanische Traum“: Er zog aus, um Hollywood-Star zu werden, drehte für kolportierte sechs Millionen Dollar aus eigener Tasche (so genau wollte er nie sagen, woher er das Geld hatte) „The Room“ und hat es 2018 immerhin auf die Bühne der Golden Globes geschafft – auch wenn ihm dabei von Franco nonchalant zu verstehen gegeben wurde, dass er doch bitte die Klappe zu halten habe, während er seinen Globe in Empfang nahm. Selbst bei seiner eigenen Lebensgeschichte musste sich Wiseau hinten anstellen.

Nichtsdestotrotz hat „The Disaster Artist“ neben einigen witzigen Cameo-Auftritten namhafter Stars auch eine motivierende Botschaft im Gepäck: „Probiere es, nicht unterkriegen lassen – solange du glücklich bist, was kümmert es dich, wenn andere dich belächeln?“ Die ebenfalls verfilmte Lebensgeschichte von „Eddie the Eagle“ schießt einem hier in den Kopf, die „Erfolgsstory“ über den erfolglosesten Skispringer aller Zeiten. Wenngleich Michael „The Eagle“ Edwards im direkten Vergleich zu Tommy Wiseau dann doch eine ganze Schippe sympathischer wirkte.

Fazit:

Ed Wood, dem „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“, wurde durch den Film von Tim Burton und Johnny Depp bereits ein Denkmal errichtet. Auch Tommy Wiseau hat sich diese Ehrung verdient. Leidenschaft sollte immer honoriert werden. Selbst, wenn sie Leiden schafft.

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