"München Beats" im TV: Als der Club das soziale Netzwerk war
Kennenlernen, verabreden, Musik entdecken: Vor dem Internet passierte all das in den Clubs. Die ZDF-Miniserie "München Beats" führt zurück in die Technoszene der 1990er-Jahre. Regisseurin Mimi Kezele war damals selbst dabei.
Wie würde das soziale Leben ohne Internet aussehen - und wo würde es stattfinden? Für eine Generation im München der 1990er-Jahre lautete die Antwort: in den Clubs. Orte, an denen man sich verabredete, neue Leute kennenlernte, Musik entdeckte, sich verliebte - und für ein paar Stunden einfach man selbst sein konnte. Genau in diese Welt führt die vierteilige Miniserie "München Beats", die am 26. und 27. August in Doppelfolgen jeweils ab 20:15 Uhr im ZDF läuft.
Regisseurin Mimi Kezele (geb. 1975), die in den 1990er-Jahren selbst Teil der Münchner Clubszene war, beschreibt die Funktion der Nachtclubs als "unser World Wide Web von damals". Dort habe man sich "kennengelernt, verliebt, verabredet und die neueste Musik gehört".
Ein Gegenentwurf zum vorbestimmten Leben
Für die Figuren von "München Beats" wird die Nacht zum Gegenentwurf zu dem Leben, das ihre Familien für sie vorgesehen haben. Linda Bierwirth (Jule Hermann) wächst auf einem Bauernhof auf, entdeckt die Techno-Szene und zieht nach München, um DJ zu werden. Ihr Bruder Andi (Ben Münchow) findet in der Stadt einen Raum, in dem er sich freier bewegen kann als in seinem ländlichen Umfeld. Und Marius Meinhardt (Klaus Steinbacher) versucht, sich aus dem Schatten seines Vaters Theo (Tobias Moretti) zu lösen.
Die Clubszene ist damit weit mehr als Kulisse für die Liebesgeschichte zwischen Linda und Marius. Sie wird zum Möglichkeitsraum: Hier treffen Menschen aufeinander, die sich anderswo vielleicht nie begegnet wären. Herkunft, Erwartungen und traditionelle Rollenbilder verlieren zumindest für ein paar Stunden an Bedeutung.
Der reale Ort, an dem diese neue Welt in München sichtbar wurde, war der Kunstpark Ost (1996-2003), der auf den Unternehmer Wolfgang Nöth (1943-2021) zurückgeht. Auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände entstand ab 1996 eine ungewöhnliche Mischung aus Clubs, Ateliers und kulturellen Projekten. In den Produktionsinformationen wird er als "ein Stück Stadtgeschichte" beschrieben, das München international prägte und zugleich "provisorisch, ungeordnet und voller Energie" war.
Was von der Freiheit geblieben ist
"München Beats" erzählt zwar von Aufbruch und individueller Freiheit, verklärt die 1990er aber nicht zur besseren Vergangenheit. Gerade aus heutiger Perspektive stellt sich die Frage, was diese Freiräume damals möglich machten - und wo sie heute zu finden sind. Kezele beschreibt ihre Serie deshalb trotz des historischen Schauplatzes als erstaunlich gegenwärtig: "Auch wenn 'München Beats' ein historischer Stoff ist, fühlt sich die Geschichte jetzig an." Historisch sei vor allem, "dass man wirklich in die vielen Clubs gegangen ist". Und wo Menschen heute über soziale Netzwerke permanent miteinander verbunden sind, waren die Clubs damals Orte echter Begegnung. Man musste hingehen, um dazuzugehören. Man musste vor Ort sein, um jemanden kennenzulernen.
Auch Tobias Moretti (67), der den Unternehmer Theo Meinhardt spielt, erinnert sich an ein Lebensgefühl, das heute weit entfernt scheint. "Die Stimmung der 1990er-Jahre kann man sich in unseren Zeiten kaum vorstellen: diesen ungebremsten Optimismus nach der 'Wende', der seinen Ursprung auch in einer völligen Selbstüberschätzung hatte. Es schien alles möglich zu sein", sagt er im ZDF-Interview. Die Serie erinnert an eine Zeit, in der alte Strukturen ins Wanken gerieten und neue Freiräume entstanden - und stellt damit zugleich die Frage: Wo ist heute der Ort, an dem sich eine Generation trifft, ausprobiert und glaubt, dass alles möglich ist?
Alle vier Folgen sind bereits in der Mediathek zu finden.
(ili/spot)